Juden gendern

Immer mal wieder werden wir gefragt, wie „jüdische Menschen“ in geschlechtergerechter Sprache am besten abgebildet werden können. Eine ganz einfache Antwort mit klarer Handlungsanweisung können (und wollen) wir zwar nicht liefern, aber wir haben mal die uns bekannten Argumente und Überlegungen gesammelt. Quasi als kleines Serviceangebot für die gojische Welt. Gleichzeitig ist dieser Text als Diskussionsangebot gedacht, vor allem an andere Juden_Jüdinnen. Wie gendert ihr? Was ist euch dabei wichtig, was geht gar nicht?

Im Allgemeinen gendern wir mit Unterstrich, Sternchen oder neuerdings auch mit dem Doppelpunkt. Um die grundsätzliche Wahl zwischen diesen Optionen soll es hier nicht gehen, und schon gar nicht um die prinzipielle Sinnhaftigkeit dieser Form der geschlechtergerechten Sprache. Sondern um die Probleme in der Anwendung auf die Wörter „Juden“ und „Jüdinnen“.

Erster Versuch: „Jüd_innen“ / „Jüd*innen“ / Jüd:innen“

Diese Formen würden erst mal nahe liegen. Es gibt zwar den Einwand, dass sie grammatikalisch falsch sind, aber das würde zum Beispiel auch auf „Gäst_innen“ zutreffen. Außerdem ist unsere Sprache nun mal Ausdruck der herrschenden patriarchalen Zweigeschlechter-Ordnung, und wenn wir daran etwas ändern wollen, müssen wir auch mal die Grenzen der „richtigen“ Grammatik strapazieren.

Also alles super? Leider nicht. Denn es gibt gegen die Formen „Jüd_innen“ / „Jüd*innen“ / Jüd:innen“ eine Reihe anderer Einwände aus jüdischer Perspektive.

Erstens wird der Wortbestandteil „Jüd“ von vielen als problematisch empfunden, denn für sich genommen wurde er von den Nazis und anderen Antisemiten als diffamierender Begriff gesetzt, etwa indem sie gegen „die Jüden“ hetzten.

Zweitens verschwindet dabei die männliche Form, „Jude“. Das wäre uns im Allgemeinen sowas von egal, nur hier nicht. Denn „Jude“ wird immer noch als Schimpfwort benutzt. Gleichzeitig tun sich viele deutsche Gojim unglaublich schwer, das Wort „Jude“ auszusprechen. Aber „Jude“ (und „Jüdin“) sind und waren immer Selbstbezeichnungen, und da muss der deutsche Goj mit seiner_ihrer Scham und Schuld irgendwie selbst klarkommen. Am besten jeden Tag zu Hause vor dem Spiegel üben. Oder so. Jedenfalls finden wir es wichtig, das Wort „Jude“ beim Gendern präsent zu halten.

Zweiter Versuch: „Jüdische Menschen“

Tja, das löst zwar das erste Problem, aber macht das zweite Problem noch schlimmer. Es ist schon klar, dass das Anliegen eine Sprache mit möglichst wenigen geschlechtlichen Zuschreibungen ist, wie etwa bei der Verwendung von „Studierenden“ oder „teilnehmende Personen“. Aber leider klingt „jüdische Menschen“ sehr nach „jüdische Mitbürger“ oder „Menschen jüdischen Glaubens“, und das geht alles wirklich gar nicht. Klar sind die „Mitbürger“ extra problematisch wegen der Vorsilbe „mit“ – die Gojim sind die Bürger, die Juden die Mitbürger?!? Und klar ist der Verweis auf den Glauben super ärgerlich, weil nicht alle Juden_Jüdinnen auch „jüdischen Glaubens“ sind. Auch wenn „jüdische Menschen“ also nicht ganz so problematisch ist, klingt es doch auch nach verschämter Vermeidung des Wortes „Jude“.

Dritter Versuch: „Juden und Jüdinnen“

Das ist schon OK, aber es erfüllt nicht das Ziel einer gegenderten Form, die auch Positionen jenseits der Zweigeschlechtlichkeit repräsentiert, beziehungsweise die Zweigeschlechtlichkeit kritisiert, die der Sprache eingeschrieben ist.

Vierter Versuch: „Juden*“

Diese Variante wird zum Beispiel in der Zeitschrift Jalta manchmal verwendet, etwa im wiederkehrenden Rubrik-Titel „Juden* und“. Allerdings gibt es aus jüdischer Perspektive durchaus auch Kritik an der Verwendung des Gendersternchens, denn der Stern ruft schmerzhafte Erinnerungen des gewaltvollen Markiertwerdens durch die Nazis auf, vor allem in der gesprochenen Variante „Judensternchen“. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Kritik teilen. Vielleicht sind hier weitere innerjüdische Debatten nötig. In der Zwischenzeit tendieren wir aber dazu, eher auf das Sternchen zu verzichten.

Andererseits hat diese Form, die „Jude“ so prominent setzt, etwas sehr Empowerndes. Im Sprechen verwenden wir oft das generische Maskulinum von „Jude“, auch wenn wir das bei anderen Wörtern nie tun würden. Aber im Schreiben ganz auf die Repräsentation von weiblichen Positionen zu verzichten, tut dem feministischen Herzen doch weh.

Zwischenergebnis: „Juden_Jüdinnen“ / „Juden:Jüdinnen“

Das sind die Formen, die wir im Moment nutzen. Das Thema ist aber alles andere als abgeschlossen – was selbstverständlich für Sprachpolitik im Allgemeinen gilt. Insofern ist das unser momentanes Fazit aus den dargestellten Überlegungen. Bestimmt gibt es Aspekte, die wir dabei (noch) nicht auf dem Schirm haben. Wir sind gespannt auf weitere Diskussionen und Entwicklungen!

Why I’m not automatically an “anti-deutsch” white potato just because I criticize the BDS campaign

Fragmentary notes on a disheartening weekend

It’s the week before pride weekend in berlin. I am glad that there will be an alternative march again, but I am also a bit worried. Will there be conflicts around the march again?

Two days before the march, things get rolling. A person asks on facebook how the organizers position themselves with regard to BDS. They position themselves critically, I am relieved but I also suspect that this won’t be the end of it. A discussion begins and a group calls for a “queers for Palestine solidarity block”, within a couple of hours this event gets an enormous number of participants. I am looking forward to the pride less happily. With some friends, I still attend and we agree to meet as far away from that block as possible. On the way to the march, we meet another friend. She says she’s going home because she doesn’t want to do this to herself. I hear this a few times in the next hours. The “queers for Palestine soli block” is large, well-organized and very audible. It intimidates me. I get the feeling that the radical queer march is being taken over by this block.

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Warum ich nicht automatisch eine antideutsche weiße Kartoffel bin, nur weil ich die BDS-Kampagne kritisiere.

Fragmentarisches Protokoll eines ernüchternden Wochenendes.

Es ist die Woche vor dem Pride-Wochenende in Berlin. Ich freue mich, dass es wieder einen alternativen CSD in Berlin gibt, bin aber auch etwas unruhig. Ob es wieder zu Konflikten rund um die Demo kommen wird?

Zwei Tage vor dem March geht es dann los. Eine Person fragt bei Facebook, wie sich die Orgagruppe zu BDS positioniere. Sie positioniert sich kritisch zu BDS, ich bin erleichtert, ahne zugleich, dass das so nicht stehen bleiben wird. Eine Diskussion geht los, eine Gruppe ruft zum „Queers for palestine soli block“ auf, innerhalb weniger Stunden gibt es enorm viele Zusagen. Meine Lust auf den Tag sinkt. Zusammen mit Freund_innen gehe ich dennoch zum March; wir verabreden, möglichst weit weg von dem Block zu laufen. Auf dem Weg zum Mariannenplatz treffen wir eine bekannte Person. Sie sagt, sie werde nach Hause gehen und nicht mitlaufen, sie will sich das nicht antun. Das höre ich im Laufe des Nachmittags noch öfter. Der „Queers for palestine soli block“ ist groß, gut organisiert und laut hörbar. Er schüchtert mich ein. In mir macht sich das Gefühl breit, dass der Radical Queer March von diesem Block übernommen werden wird.

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Wegen Antisemitismus gibt es in Berlin keinen alternativen CSD mehr – und niemand spricht darüber

„Ach wie schade, dass es dieses Jahr keinen Kreuzberger CSD gibt!“ Diesen Satz hörte ich letztes Jahr rund um den angestammten Termin Ende Juni immer wieder. Ein Nachdenken über die Gründe? Fehlanzeige. Allenfalls ein sehr allgemeines Gejammer über die Spaltungen in der Szene, die wichtige Infrastrukturen zerstören. Aber der X-CSD ist nicht an der Spaltung der Szene zerbrochen. Er ist noch nicht einmal daran zerbrochen, dass die Demonstration (oder manche Elemente davon) als antisemitisch kritisiert wurden, und auch nicht daran, dass sich unterschiedliche Definitionen von Antisemitismus unversöhnlich gegenüberstehen. Nein, als wirklich fatal erwiesen hat sich die konsequente Weigerung der Szene, über Antisemitismus überhaupt zu sprechen.

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