Redebeitrag auf der 9. November Demo 2017 in Berlin

Wir möchten unserem Redebeitrag einen Auszug aus einem Text voranstellen, der sich mit der Installation „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg beschäftigt. Die Installation besteht aus großen Schildern mit antijüdischen Gesetzen aus den Jahren 1933 bis 1945 und soll an die schrittweise Entrechtung der Jüd*innen und Juden erinnern:

„Das zweite Mal bin ich auf dem Weg irgendwohin, haste vorbei, als sich das Schild in meinen Blick schiebt und mir einen Schlag in die Magengrube versetzt. Und ich denke: Genau so soll es sein. Die Menschen sollen vorbeilaufen und an ganz andere Dinge denken und dann soll ihnen das Schild diesen Schlag versetzen. Sie zwingen sich zu erinnern, wenn auch nur kurz. Niemand soll vergessen dürfen. Niemand soll das Privileg haben, einfach vergessen zu können. Egal ob sie wollen oder nicht: Immer hinein in die Magengrube. Die sollen sich gefälligst erinnern, und wenn sie nicht wollen, dann werden sie gezwungen.

Und dann neulich, wieder dieser Schlag in die Magengrube, im Vorbeihasten. Immer wieder vergesse ich, dass dort diese Tafeln hängen. Doch diesmal ein Gefühl von Empörung: Wie komme ich dazu, mir regelmäßig diesen Schlag versetzen zu lassen? Hat jemand beim Anbringen der Schilder darüber nachgedacht, wie sich eine Jüdin fühlen könnte, wenn sie an dieser Stelle immer wieder, ob sie will oder nicht, an die Shoah erinnert wird? Ist das nicht eine Art von Gewalt, die mir hier angetan wird, indem ich gezwungen werde, mich zu erinnern? Indem ich gezwungen werde, in diesem Moment des metaphorischen Schlags, der sich verdammt körperlich anfühlt, Jüdin zu sein, mich als Jüdin zu denken? Die Schilder sind vielleicht nicht für mich gemacht, sondern für die anderen, die Gleichgültigen. Die, die sich erinnern müssen sollen. Aber ich, könnte man mich nicht davor verschonen?

Doch ich bin nicht vorgesehen. Eine Jüdin, die einfach so am Bayerischen Platz entlangläuft und dabei an das Arbeitstreffen denkt, zu dem sie gerade zu spät kommt? Eigentlich unerhört. Jedenfalls nicht intendiertes Publikum für diese Schilder. Denn das Denkmal, so ist es im Internet nachzulesen, soll zum Nachdenken über die eigene potentielle Mittäter_innenschaft anregen: Was hätte ich getan? Hätte ich die Augen verschlossen?

Das jüdische Publikum, das ist nicht vorgesehen.

Ist es nur in der Vergangenheit real?“

Heute erinnern wir an die antisemitischen Novemberpogrome 1938, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in ganz Deutschland zu einem Höhepunkt kamen. In vielen Städten finden heute Gedenkveranstaltungen, Demonstrationen und Lesungen statt, um an diese Ereignisse zu erinnern. Wir finden: zurecht. Die Erinnerung an die antisemitische Gewalt ist heute unerlässlich und sie wird es immer bleiben.

Doch fragen wir uns auch, welche Funktion und welche Form ein Erinnern und Gedenken an den 9. November und die Shoah haben sollte und wer darin die Akteur*innen sind. Wer erinnert sich und in welcher Form? Welche Rolle haben im Gedenkdiskurs diejenigen, an die zu diesen Ereignissen gedacht wird? Welche Rolle wird ihnen zugestanden? Auf den Punkt gebracht: welche Rolle spielen Jüd*innen und Juden im Gedenken an den 9. November? Sind sie diejenigen, die ausschließlich als Zeitzeug*innen ihre Erlebnisse berichten dürfen? Erscheinen sie uns nur als Tote und Vertriebene, deren Zeugnis uns zur Legitimation unseres eigenen politischen Handelns wird? Aus unserer Perspektive als linksradikale jüdisch-queere Gruppe der sogenannten dritten Generation finden wir: Juden und Jüd*innen sind als Akteur*innen des Gedenkens und als Adressat*innen des Gedenkdiskurses immer noch viel zu wenig präsent und werden zu wenig mitgedacht.

Die Diskurse um die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus hatten in Deutschland schon immer einen starken Täter*innenfokus. Es waren nicht die Überlebenden und die Nachkommen der Opfer, die Deutungshoheit bekamen und bestimmen durften, stattdessen fabulierten nicht-jüdische Deutsche das erste Mal 1948 über Schlussstriche und krönten sich selbst zum Aufarbeitungsweltmeister. Deutschland, dein Sommermärchen!

Auch die Gedenkkultur in Deutschland hat einen starken Täter*innenfokus. Ziel der Beschäftigung mit der Shoah und dem Nationalsozialismus ist in Deutschland oftmals ein „Lernen aus der Geschichte“ für die Nachfolgegenerationen der Täter*innen. „Gegen das Vergessen“ ist das Motto und nicht selten wird auf Schock gesetzt.

Wir finden zwar auch, dass es Aufgabe der Nachfahren der Täter*innen sein sollte, das Gedenken an die Shoah aufrechtzuerhalten. Doch für die Frage nach der Form und nach den Adressat*innen des Gedenkens ist es wichtig zu verstehen, dass das Vergessen ein Privileg ist. Nicht vergessen zu wollen, niemanden vergessen zu lassen – so wichtig diese Ansätze sind, sie gehen doch immer von der impliziten Möglichkeit aus, vergessen zu können.

Keine Sorge, wir werden nicht vergessen, denn wir werden jeden Tag daran erinnert. Unser Erinnern und Gedenken lässt sich nicht auf einen Tag reduzieren und es findet nicht zwangsläufig an großen Daten statt. Der 9. November ist für uns nicht nur ein Pflichttermin im alljährlichen Demokalender. Wir erinnern uns heute auch an unsere Großeltern, die die Shoah nur durch Flucht oder Versteck überlebt haben. Wir erinnern uns heute an unsere Verwandten, die wir nie kennengelernt haben und über die wenig bekannt ist, weil sie in den Konzentrationslagern oder auf Deportationstransporten ermordet wurden. Wir sind traurig und wütend darüber, dass wir wenig über unsere Familiengeschichten wissen, weil Traumata, Angst und Scham so groß waren, dass nach 1945 über das Widerfahrene nicht gesprochen wurde. Wir sind wütend, dass wir uns immer noch Gedanken darüber machen müssen, wem gegenüber wir erwähnen, dass wir jüdisch sind oder uns Gedanken darüber machen, welche Symbole wir tragen. Wir sind es leid, unsere halbe Familiengeschichte erzählen zu müssen, um zu erklären, dass Opa eben kein Nazi war. Wir sind die übergriffigen und befangenen Fragen leid, genauso wie die ständige Sorge, bei antisemitischen Vorfällen keine Solidarität zu erfahren. Wir sind traurig darüber, dass es in Deutschland wenig Orte gibt, wo auf selbstverständliche Weise jüdisches Leben gelebt wird. Wir sind wütend über den antisemitischen Normalzustand und wir möchten nicht als Teil der deutschen Aufarbeitungsweltmeisterschaft instrumentalisiert werden!

 

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