Wegen Antisemitismus gibt es in Berlin keinen alternativen CSD mehr – und niemand spricht darüber

„Ach wie schade, dass es dieses Jahr keinen Kreuzberger CSD gibt!“ Diesen Satz hörte ich letztes Jahr rund um den angestammten Termin Ende Juni immer wieder. Ein Nachdenken über die Gründe? Fehlanzeige. Allenfalls ein sehr allgemeines Gejammer über die Spaltungen in der Szene, die wichtige Infrastrukturen zerstören. Aber der X-CSD ist nicht an der Spaltung der Szene zerbrochen. Er ist noch nicht einmal daran zerbrochen, dass die Demonstration (oder manche Elemente davon) als antisemitisch kritisiert wurden, und auch nicht daran, dass sich unterschiedliche Definitionen von Antisemitismus unversöhnlich gegenüberstehen. Nein, als wirklich fatal erwiesen hat sich die konsequente Weigerung der Szene, über Antisemitismus überhaupt zu sprechen.

Drei Spotlights.

Spot 1: Die Rede des Radical Queer Wagenplatz Kanal mit den üblichen israelfeindlichen Parolen und klaren antisemitischen Konnotationen. (Eine Analyse davon gibt es hier zu lesen.) Normalerweise versuche ich wegzuhören, mich abzulenken, außer Reichweite der Lautsprecher zu stehen. Eine seit Jahren auf dem Kreuzberger CSD notwendige Praxis, doch dieses Mal funktioniert sie nicht mehr, und ich sitze heulend in einem Hauseingang, weil ich deutlich die Botschaft höre: Als queere Jüdin bin ich hier nicht erwünscht, zumindest nicht, wenn ich mich nicht antizionistisch positioniere. Freund_innen schlagen vor, mit dem Awareness-Team oder den Organisator_innen zu sprechen, und wider besseres Wissen lasse ich mich darauf ein. Doch bevor ich in meiner aufgelösten Verfassung auch nur die Chance habe, meine Kritik einigermaßen stringent zu formulieren oder mich als Jüdin zu positionieren, wird mir entgegengeschleudert: „Was glaubst du denn, wie satt ich den Rassismus der Szene habe?!?“ Ganz klar: Ich wurde als Kartoffel adressiert. Dazu kommt, dass es undenkbar scheint, Antisemitismus und Rassismus gleichzeitig zu thematisieren und nicht gegeneinander aufzuwägen. Aber nicht nur, dass die Präsenz von (nicht-israelischen) Juden*Jüd_innen unvorstellbar ist. Auch Antisemitismus gilt nicht als etwas, wovon reale Menschen betroffen sind. Es scheint für die meisten unvorstellbar, dass solche Erfahrungen von Antisemitismus manche von uns ohnmächtig, fassungslos und heulend zurücklassen, und dass sie uns gründlich den Tag vermiesen. „Ihr gehört nicht nach Kreuzberg!“, bekamen manche an diesem X_CSD zu hören, oder gar: „Denk’ lieber mal drüber nach, was dein Opa gemacht hat!“

Spot 2: Nach dem CSD wird eine Nachbereitung durch das Orgateam angekündigt, die in eine Stellungnahme „zu den Kritikpunkten am X*CSD und den Vorfällen und Auseinandersetzungen auf der Demo“ münden soll. Danach geschieht sehr lange gar nichts, zumindest nichts, das nach außen sichtbar wird. Die – wohlgemerkt nicht als antisemitisch benannten – „Vorfälle“ geraten bei einem Großteil der Szene vermutlich in Vergessenheit. Erst im Oktober wird auf dem Blog bekannt gegeben, dass die gemeinsame Stellungnahme des Orgateams gescheitert ist, und gleichzeitig ein Statement eines Teils des Teams veröffentlicht. In diesem wird klar benannt und kritisiert, dass antisemitische Redebeiträge auf dem CSD gehalten wurden, und dass der CSD trotz anderslautender Absprachen als Bühne für BDS benutzt wurde. Auch das aggressive und bedrohende Auftreten gegenüber laut geäußerter (und durch einen geworfenen Pappbecher untermauerter) Kritik an den Redebeiträgen wird verurteilt. Das alles ist gut und könnte optimistisch stimmen – wenn dieses Statement und auch die gescheiterte Nachbereitung des Gesamt-Teams in der Szene-Öffentlichkeit nicht fast unbeachtet und unbesprochen geblieben wäre.

Spot 3: Im Mai 2017 greift die Siegessäule die Frage auf: „Kein Kreuzberger CSD in diesem Jahr?“ Die Geschichte des CSD wird als Geschichte seiner Spaltungen erzählt: „So brach 2013 der Transgeniale CSD wegen Konflikten um Rassismusvorwürfe auseinander. 2014 sprangen Südblock, SO36 und Möbel Olfe ein und fokussierten den Kreuzberger CSD auf den Kiez und dessen Themen. 2016 wurde der Fokus beim „X*CSD“ unter dem Motto „Queer bleibt radikal“ wieder breiter, und erneut brachen Konflikte auf.“ …die sich diesmal um Antisemitismusvorwürfe drehten – müsste der Satz weitergeführt werden. Wird er aber nicht. Stattdessen wird vorsichtig-distanziert angemerkt: „manche halten einen Boykott-Aufruf gegenüber einem jüdischen Staat für antisemitisch“. Doch handelt es sich dabei nicht etwa um Antisemitismusvorwürfe? Und warum ist es so schwierig, das klar zu benennen? Die Feststellung, dass es Antisemitismusvorwürfe gab, beinhaltet ja noch keine Aussage über ihre Berechtigung und Richtigkeit. Aber selbst das scheint schon zu heikel.

Doch Antisemitismus ist nicht nur eine nervige ideologische Konfliktlinie zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Aktivist_innen oder zwischen Antideutschen und Antiimperialist_innen. Die Weigerung, darüber in der Szene zu sprechen, kann nicht einfach nur als Scheu davor, ein solch „heißes Eisen“ anzufassen, erklärt und gerechtfertigt werden, oder gar – vermeintlich positiv gewendet – als Versuch, keine unversöhnlichen Spaltungen entstehen zu lassen. Denn nicht über Antisemitismus zu sprechen bedeutet auch, denjenigen, die von Antisemitismus betroffen sind, die Solidarität zu verweigern, sie damit alleine zu lassen, und, wenn sie es nicht mehr aushalten, ihr Wegbleiben aus der Szene achselzuckend hinzunehmen.

Ich muss gestehen: Ich bin froh darüber, dass es seit 2016 keinen Kreuzberger CSD gab. Denn auch wenn über die Gründe nicht gesprochen wird, das Schweigen ist so groß, dass es  beinahe schon selbst spricht. Und die seitdem an einigen Stellen veröffentlichten Dossiers und Artikel zu Antisemitismus lassen vermuten, dass der Elefant im Raum nicht ganz so unsichtbar ist, wie es scheint. Es gibt noch viel zu tun, und ich hoffe, dass uns die Abwesenheit des Kreuzberger CSDs, so sehr ich ihn auch vermisse, daran erinnert, dass es das Schweigen über Antisemitismus ist, das ihn kaputtgemacht hat.

Links zu zitierten Texten:

https://xcsd.wordpress.com/2016/07/01/nachbereitung-folgt/

https://xcsd.wordpress.com/2016/10/04/in-eigener-sache/

https://xcsd.wordpress.com/2016/10/04/statement-zum-xcsd-2016-von-teilen-des-orga-teams/

https://www.siegessaeule.de/no_cache/newscomments/article/3300-kein-kreuzberger-csd-in-diesem-jahr.html

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