Warum ich nicht automatisch eine antideutsche weiße Kartoffel bin, nur weil ich die BDS-Kampagne kritisiere.

Fragmentarisches Protokoll eines ernüchternden Wochenendes.

Es ist die Woche vor dem Pride-Wochenende in Berlin. Ich freue mich, dass es wieder einen alternativen CSD in Berlin gibt, bin aber auch etwas unruhig. Ob es wieder zu Konflikten rund um die Demo kommen wird?

Zwei Tage vor dem March geht es dann los. Eine Person fragt bei Facebook, wie sich die Orgagruppe zu BDS positioniere. Sie positioniert sich kritisch zu BDS, ich bin erleichtert, ahne zugleich, dass das so nicht stehen bleiben wird. Eine Diskussion geht los, eine Gruppe ruft zum „Queers for palestine soli block“ auf, innerhalb weniger Stunden gibt es enorm viele Zusagen. Meine Lust auf den Tag sinkt. Zusammen mit Freund_innen gehe ich dennoch zum March; wir verabreden, möglichst weit weg von dem Block zu laufen. Auf dem Weg zum Mariannenplatz treffen wir eine bekannte Person. Sie sagt, sie werde nach Hause gehen und nicht mitlaufen, sie will sich das nicht antun. Das höre ich im Laufe des Nachmittags noch öfter. Der „Queers for palestine soli block“ ist groß, gut organisiert und laut hörbar. Er schüchtert mich ein. In mir macht sich das Gefühl breit, dass der Radical Queer March von diesem Block übernommen werden wird.

Zu den Ereignissen, die dann folgten, gibt es verschiedene Erzählungen. Griff die Polizei auf Aufforderung, mit Zustimmung oder vielmehr gegen den Willen der Orgagruppe ein, um den BDS-Block abzudrängen? Im Nachhinein ist es schwierig zu rekonstruieren, wie es zum Polizeieinsatz kam. Klar ist auf jeden Fall: Polizeieinsätze auf linken Demos sind immer scheiße und als linke Queers sollten wir niemals auf Polizeigewalt setzen!

Gleichzeitig gilt: Dass Leute aus dem BDS-Block sich verbal und körperlich aggressiv gegenüber anderen Demo-Teilnehmer_innen verhalten haben, zum Beispiel in Form von sexistischen Beschimpfungen, geht überhaupt nicht. Überrascht bin ich nicht, denn es schließt direkt an die Erfahrungen auf dem Kreuzberger CSD 2016 an. Nur dass es noch viel schlimmer und massiver geworden ist.

Die Stimmung ist im Eimer. Ich bin frustriert, wütend, traurig. Viele Gedanken gehen mir und meinen Freund_innen an dem Abend und in den folgenden Tagen durch den Kopf. Ich will mir Ereignisse wie den alternativen CSD nicht nehmen lassen und zugleich ist es so auch nicht erträglich. Die Argumentation von BDS ist grob vereinfachend und deshalb klingt sie für viele so nachvollziehbar und logisch. ‚Täter’ und ‚Opfer’ schnell benannt, Komplexität weggewischt, die Argumente, zumal sie von Schwarzen, PoC und Juden_Jüdinnen zusammen formuliert werden, für viele linke Queers, die eindimensionalen Positionierungspolitiken anhängen und Solidarität zeigen wollen, bestechend. Die Argumentation wird so hervorgebracht, als sei sie die einzig legitime linke Position. Es wird argumentiert, der „Queers for palestine soli block“ sei die anti-rassistische Stimme des Radical Queer Marches gewesen. Wer die inhaltlichen Positionen dieses Blocks nicht teilt, ist rassistische_r Antideutsche_r, der_die die eigene Familienschuld nicht verarbeitet hat. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Zwischentöne, Komplexitäten, Differenzierungen, Ambivalenzen, inhaltlicher Widerspruch und die gleichzeitige Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus – dafür ist kein Platz. Und offensichtlich auch nicht für eine Person, die (auch) queer, (auch) links und (auch) jüdisch ist und die der BDS-Kampagne und ihren Politikformen kritisch gegenübersteht.

Etwas später steigen auch wir aus der Demo aus. Wir lassen den March an uns vorbeiziehen. Ich scanne die Leute im „Queers for palestine soli block“, der mittlerweile wieder Teil der Demo ist. Ich habe Angst, dass ich dort bekannte Gesichter entdecke. Zu groß wäre die Enttäuschung und das Gefühl, dass etwas zwischen uns stünde. Im Block wird, neben anderen antisemitischen Slogans, die die Auslöschung Israels propagieren, zu Solidarität mit Khaled Barakat aufgerufen, dem Sprecher einer terroristischen Organisation, die vor wenigen Jahren mehrere Menschen ermordet hat. Bei allem Respekt für Multiperspektivität und Meinungsvielfalt: Was haben solche Positionen auf einer linksradikalen queeren Demo verloren? So viel zum gewaltfreien Widerstand der BDS-Kampagne!

Im Nachhinein beginnt online der Kampf um Deutungshoheit, so beschreibt es eine Freundin treffend. Die nun folgende Erzählung, auf der einen Seite hätten PoC, Schwarze, Juden_Jüdinnen und Refugees demonstriert und auf der anderen Weiße, empfinde ich als Machtpolitik und als strategische Diffamierung. Sie zieht klare Täter-Opfer-Linien und erklärt alle zu Rassist_innen, die nicht antizionistisch sind oder BDS kritisch gegenüberstehen. Dass die Stimmen und politischen Kämpfe von People of Color, Schwarzen, Refugees, Migrant_innen, Rom_nja und Sinti_zze sowie Juden_Jüdinnen endlich mehr Gehör finden müssen, steht außer Frage. Deutschland ist ein post-koloniales und post-nationalsozialistisches Land. Es gibt hier nach wie vor eine weiße, eine völkische Dominanz. Strukturelle rassistische und antisemitische Gewalt schränkt die Lebenschancen marginalisierter Gruppen extrem ein. Menschen werden von Rechtsterrorist_innen ermordert, und niemanden interessiert es. Und auch in linken, queeren Zusammenhängen gibt es bis heute eine weiß-christliche Dominanz.

Aber die Art und Weise, wie von BDS und ihren Anhänger_innen Politik gemacht wird, kann keine Antwort auf diese Zustände sein. Ich habe den Eindruck, dass es den Mitwirkenden bei BDS auch gar nicht darum geht, die Stimmen von Menschen mit Rassismuserfahrung sichtbar zu machen – zumindest nicht in ihrer Vielfältigkeit. Vielmehr vollzieht BDS ein strategisches Whitening all derjenigen, die nicht auf der eigenen Seite stehen. Das betrifft konkret diejenigen PoC, Schwarzen, Refugees und Juden_Jüdinnen, die nicht im „Queers for palestine soli block“ mitgelaufen sind und andere Positionen vertreten. Denn ja, auch diejenigen gab es, sogar auf dem Lauti!

Und selbst wenn weiße nicht-jüdische Deutsche gegen die Inhalte des BDS sind. Warum dürfen sie ihre kritische Haltung zu antisemitischen Positionen nicht hervorbringen, ohne als Rassist_innen diffamiert zu werden? Weil sie die falsche politische Meinung haben? Weil Antisemitismus kein ernst zu nehmendes Herrschaftsverhältnis ist? Was die weißen Deutschen sagen, die im „Queers for palestine soli block“ mitgelaufen sind, ist ok, weil sie die richtige politische Meinung haben? Sollen nur diejenigen gehört werden, die die „richtige“ Meinung vertreten? Kann man sich nicht gleichzeitig gegen die rassistische Politik eines Nationalstaats positionieren und sich trotzdem mit Juden_Jüdinnen solidarisieren, die, by the way, ebenfalls People of Color oder Schwarz sein können? Und ist es legitim, gegen die abweichende inhaltliche Position mit physischer Gewalt vorzugehen? Einmal mehr wird deutlich, dass es den BDS-Anhänger_innen nicht um inhaltliche Debatten geht, sondern um die autoritäre Durchsetzung ihrer politischen Haltung.

Dass sich dieser Zustand als inhaltlicher Status Quo politischer Debatten in der queeren Szene Berlins etabliert, macht mich wütend und traurig. Es spaltet unsere Communities und lähmt politische Kämpfe, die in diesen Zeiten geführt werden müssen!

In linksradikalen queeren Szenen in Berlin ist die einzige hörbare (oder erhörte) jüdische Stimme zurzeit eine, die BDS-Politiken supportet. Sie speist sich zum großen Teil aus jüdischen Expats, die hier dieselbe Politik machen, wie zuvor in Israel, den USA oder anderswo. Vertreter_innen des BDS ignorieren den deutschen Kontext komplett. Ich frage mich, ob sie eine Ahnung davon haben, wie es ist, als Jude_Jüdin in einem Land aufzuwachsen und zu leben, in dem antisemitische Diskriminierung und Gewalt alltäglich und bedrohlich ist und in dem es unzählige personelle und strukturelle Kontinuitäten nach der Shoah und dem NS gab, die bis heute fortwirken. Wissen sie, wie es sich anfühlt, permanent in Unsichtbarkeit und in der Minderheit zu leben? Nehmen sie Antisemitismus als Herrschaftsverhältnis ernst? Antizionismus bedeutet in Israel oder den USA etwas anderes als hier, Kontext spielt eine Rolle und sollte ernst genommen werden. Und meine Kritik lässt sich nicht durch den Verweis auf Nazi-Großeltern abwehren und derailen!

Auch Tage später bin ich noch desillusioniert. Wie soll das weitergehen? Es macht mich traurig, dass schon wieder ein Versuch gescheitert scheint, einen linksradikalen CSD zu organisieren und stattfinden zu lassen. Der alte alternative CSD ist genau an der gleichen Konfliktlinie gescheitert (s. Link oben). Ein Block, der so massiv auftritt, nimmt ein erneutes Scheitern zumindest in Kauf. Aber vielleicht war das auch gewollt? Vielleicht ging es auch einfach nur darum, Machtpolitik auszuüben, strategisch zu eskalieren, das eigene Thema auf einer Demo zu setzen und andere Themen damit unsichtbar zu machen. Nicht nur wurden andere Themen des Radical Queer Marchs übergangen, auch kritische Stimmen werden ignoriert, strategisch diffamiert und Juden_Jüdinnen, PoC und Schwarze unsichtbar gemacht, die eine andere inhaltliche Position haben. Ihr seid nicht die einzige linksradikale jüdische Stimme, und ich bin nicht automatisch eine antideutsche weiße Kartoffel – deal with it!

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